Eine Reihe namhafter (und ernsthafter) Autorinnen und Autoren hat NOCH EIN Papier veröffentlicht. Der ambitionierte Titel: Mit Gesundheit aus der Wachstumskrise. Aber der Inhalt hält dem steilen Titel nicht stand. Eine General- und eine Detailkritik.

Die Kernforderungen der Autorenschaft

  • Gesundheit als Rückgrat unserer Gesellschaft
  • Prävention als als Wachstumsmotor 
  • Digitalisierung als Innovationstreiber 
  • Bewältigung des Fachkräftemangels in den Gesundheitsberufen

Feststellungen, die allesamt gut klingen, aber, so meine ich, nichts nutzen. Sie sind nur weitere Appelle, versprechen Kostenersparnis oder volkswirtschaftlichen Nutzen (in der Ferne) und produzieren mehr Kosten (ab sofort). Sie werden deswegen keine weitere Beachtung finden. 

Kein Erkenntnis-, sondern ein Handlungsdefizit

Das deutsche Gesundheitswesen scheitert nicht an zu wenigen Erkenntnissen, die auch in diesem Papier noch einmal ausführlich aufgelistet wurden; – es scheitert am Mut, systemverändernde Rahmenbedingungen zu setzen oder besser, die systemdefinierenden Rahmenbedingungen zu öffnen. Weder die Autoren des Papiers noch der Autor seiner Kritik wird das Gesundheitswesen neu entwickeln. Also geht nicht darum, Potenziale und Visionen zu entwickeln, denn davon gibt es schon genug, sondern zu benenen, was die Veränderung am stärksten behindert, was man tun müsste, um eine Dynamik von unten zu entwickeln und das Kartell des Stillstands, das Politik, hier im Rangeln von Bund und Ländern, sowie die Selbstverwaltung zu durchbrechen. 

Sondervermögen, ich höre Dich rufen!

Warum glauben namhafte Autorinnen und Autoren, mit noch einem weiteren appellativen Papier diesmal mehr Gehör zu finden? Ich vermute, weil aktuell viel Sondervermögensgeld ausgeschenkt werden soll und sie hoffen, dass dieser Segen auch im Gesundheitswesen aufschlägt. 

Machen lassen. Vor Ort, konkret. Und nachsteuern, wenn es schief geht.

Deswegen diese Kritik. Und der Versuch, konkrete Alternativen zu entwickeln. 

ThemaKritik und Alternativen
Stärkung der Gesundheitswirtschaft
Gesundheit sollte neben den im „Jahresgutachten des Sachverständigenrates zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“ genannten Bereichen „Verkehrsinfrastruktur, Verteidigung und Bildungssystem“ als vierter zentraler Bereich bei der Priorisierung öffentlicher Ausgaben etabliert werden.Reine Papierforderung, um Zugang zu weiteren priorisierten Finanzmittel zu erhalten. Irrelevant, weil auch die Gutachten des Sachverständigenrates keine größere (oder nur völlig beliebige) Berücksichtigung führen.
Gesundheit muss damit als zentraler Bestandteil der Wachstumspolitik gefördert werden, um die Produktivität zu steigern und die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands zu sichern.Förderung bedeutet zusätzliche finanzielle Mittel mit einem neuen Titel. Wie genau eine solche Förderung aussehen sollte, keine Angabe. Nicht jede „Zukunftsförderung“ kommt Zukunft raus, sprich: Es gibt auch öffentliche Investitionen, die zu keiner Refinanzierung führen. Verantwortungträger, die über ihre eigenen Mittel und Ressourcen entscheiden könnten, wären eine Alternative.
Der Ausbau der Gesundheitswirtschaft als Exporttreiber sollte vorangetrieben werden, um die Innovationskraft und internationale Wettbewerbsfähigkeit weiter zu stärken.Die Angabe, wie dieser Ausbau finanziert werden sollte, fehlt. Insofern ein unkonkreter Hinweis, mehr nicht.
Eine konsequente Fokussierung auf Gesundheit als Chance für die Zukunft ist notwendig, um die Herausforderungen des demografischen Wandels bis 2040 zu meistern und die Versorgungssicherheit und Lebensqualität der Bevölkerung nachhaltig zu verbessern.Das gesunde Menschen weniger kosten als kranke, ist eine Binsenweisheit. Die Antwort auf das Wie fehlt.
Die Finanzierung der Struktur wird durch den Beitrag der Gesundheitswirtschaft zum Bruttoinlandsprodukt selbst getragen, ohne Mehrbelastung für die Versicherten.Finanzierung wird eben nicht durch Gesundheitswirtschaft getragen, sondern nur zum Teil, der überwiegende Teil wird durch Steuern und Versichertenbeiträge getragen. Falschbehauptung
Prävention
Eine verstärkte lncentivierung und Ausrichtung des Gesundheitssystems und der Finanzierung all seiner Akteure zugunsten der Prävention, um Gesundheitsprobleme frühzeitig zu verhindern bzw. deren Progression zu vermeiden und das Gesundheitssystem langfristig zu entlasten. Die heutigen Fehlanreize müssen schnellstens beseitigt werden.Grundsätzlich ja, aber die Frage bleibt: Wie. Ebenso fehlt die Benennung der Fehlanreize. Eine Alternative wäre es, „verantwortungsfähigen Akteuren“ die Verantwortung für die Steuerung der Versorgung zu übertragen, so dass diese die Fähigkeit haben, selbst zu entscheiden, was sie für eine nachhaltige und dadurch refinanzierungsfähige Investition sein könnte. Sie müssen dazu entscheiden können, in welchem institutionellen Rahmen mit welcher Honorierung sie diesen Steuerungsanreiz realisieren könnten. Klar ist, dass es dabei weniger kleinteilige und in ihrer Honorierung festschriebene Akteure gibt, die an ihrem Geschäftsmodell festhalten wollen. Und die weitergehende Schlußfolgerungen: In unserer Gesellschaft organisieren sich Bestandsinteressen in Verbänden. Deswegen organisieren sie Widerstand, wenn es darum geht, den institutionellen Rahmen und die Honorierungsregeln zu verändern. Wir benötigen Konsolidierung und Vereinfachung der Prozesse, siehe auch bei der Digitalisierung.
Unser Ziel muss es sein, einen Wettbewerb um die besten Gesundheitsergebnisse zu entfachen – mit dem Fokus auf ein langes, gesundes Leben und möglichst wenigen Beeinträchtigungen für die Bevölkerung. Der Schlüssel dazu liegt in der Verfügbarkeit von Daten. Im internationalen Vergleich haben andere Länder bereits früher diesen Weg eingeschlagen. Diese gilt es einzuholen. Unsere Forscher sind da bereits dran.Auf welcher Ebene soll zwischen wem ein Wettbewerb organisiert werden? Große Frage, auf die dieses Papier keine Antwort gibt. Wir waren im deutschen Gesundheitssystem schon weiter: Regionale Gesundheitsbudgets, die politisch ausgeschrieben werden und den „Kontrakteuren“ die Möglichkeit gibt, die Prozesse zu konsolidieren. Und natürlich auch dafür zu sorgen, dass überflüssige oder widerständige Akteure verschwinden.
Steuerliche und weitere politische Maßnahmen sollten gesündere Produkte und Lebensstile entlasten, während gesundheitsschädliche Produkte stärker belastet werden. Dies würde auch dazu beitragen, die Kluft in der Lebenserwartung zwischen Arm und Reich zu verringern.Kann man machen, langfristige Maßnahme, die erst mittelfristig zu Einsparungen führen würde. Vorteil der Maßnahme: Kostet nichts, außer politischem Mut.
Die Impfquoten sollten sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen und Älteren erhöht werden, um vermeidbaren Erkrankungen vorzubeugen und die Gesundheit der Bevölkerung langfristig zu schützen.Natürlich, aber auch fast selbstverständlich. Und natürlich muss jede Impfung nachweisen, dass sie nutzt. Sonst wird sie zur Glaubensfrage.
Digitalisierung
Ein effektiver Austausch von Gesundheitsdaten ist entscheidend, um die Zusammenarbeit zwischen Fachkräften zu verbessern und eine personalisierte Patientenversorgung zu ermöglichen.Ja, aber der Prozess ist in Gang gesetzt. Jetzt muss man beobachten, was in welchem Zeitabschnitten realisiert werden kann.
Ein sicherer und interoperabler Datenraum muss geschaffen werden, um die medizinische Forschung zu fördern und gezielte Behandlungen zu ermöglichen.Ja, siehe oben. Und zudem überprüfen, dass nationale Regelungen nicht der European Health Data Space Initiative widersprechen.
Künstliche Intelligenz sollte verstärkt eingesetzt werden, um Diagnosen zu optimieren, die Effizienz der Gesundheitsversorgung zu steigern und personalisierte Therapieansätze zu entwickeln.Ja, die Frage ist aber, muss tatsächlich alles vorab auf nationaler Ebene genehmigt werden. Ich meine, man sollte die Verantwortung in einem europäischen Rahmen dann gleich in die Hand der Versorger legen.
Es gibt bereits eine breite Vielfalt von jungen Start-Up-Unternehmen wie aber auch Akteuren in allen Unternehmen der Gesundheitswirtschaft, die an Lösungen arbeiten, die in den nächsten Jahren einen großen Schub zugunsten einer erfolgreicheren Gesundheitsentwicklung auslösen werden. Noch werden sie durch viele regulatorische Hemmnisse behindert. Diese gilt es abzubauen und damit wie in anderen Wirtschaftsbereichen die bürokratisch verzögerten Entwicklungen massiv zu beschleunigen.Ja, deswegen großzügige Zulassung durch das BfArM. In einem zweiten Schritt müssen die regionalen Akteure entscheiden, was ihrer Ansicht nach funktionieren würde und was nicht.
Gesundheitsfachberufe
Zur Bekämpfung des Fachkräftemangels und zur langfristigen Sicherung der Versorgung muss eine neue Aufgaben- und Verantwortungsteilung im Gesundheitswesen etabliert werden.Ja, ohne Einschränkung. Eine wichtige Maßnahmen wäre, die Verantwortung von Personen, z.B. von niedergelassenen Einzelärzten auf Institutionen zu übertragen. Diese sollten dann in eigener Verantwortung erntscheiden, was sie verantworten wollen. Und wo sie möglicherweise bei unverantwortlicher Handhabung verklagt werden können.
Die Aufwertung der Fachberufe ist voranzutreiben, um deren Rolle im Behandlungsprozess zu stärken und die Attraktivität der Berufe zu erhöhen.Ja, ohne Einschränkung.
Eine verstärkte, faire Anwerbung und wertschätzende Integration von Pflegefachkräften und anderen Gesundheitsfachkräften aus dem Ausland ist notwendig, um die bevorstehenden Aufgaben in der Versorgung zu sichern.Ja, mit Verantwortung. Rückblickend hat sich gezeigt, dass ausländische Abschlüsse in Deutschland kaum anerkannt wurden. Das gilt es zu verändern!
Gleichzeitig sehen wir auch hier, wie insbesondere die jüngeren Kräfte bereits intensiv die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und vorantreiben. Auch dies kann uns zuversichtlich stimmen, dass wir in den nächsten Jahren hier deutliche Produktivitätsvorteile generieren können. Die Politik muss diese Kräfte aktiv fördern und die verkrusteten Strukturen des Gesundheitswesens aufbrechen.Sehr schwammig, was Politik hier fördern soll. ….. Und es wird nicht benannt, was die Digitalisierung behindert: Engmaschige Regulierung und kleinteilige, aufwands-, aber nicht ergebnisbezogene Honorierungslösungen. Und eine völlig phantasielose gesundheitspolitische Diskussion.

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