Es wirkt wie eine Parodie. Die neue Koalition weist den Hausärzten in der hausarztzentrierten Versorgung eine Schlüsselrolle zu; – und die Bertelsmann Stiftung prognostiziert gleichzeitig, dass in spätestens fünf Jahren 10.000 Hausärzte fehlen. Und alle anderen dann überlastet sind.  

Mehr Widersprüchlichkeit geht eigentlich nicht. Aber im deutschen Gesundheitssystem, das nach dem Motto aufgebaut ist, man sieht sich immer dreimal (Einmal auf Bundesebene, einmal auf Länderebene und ständig in der Selbstverwaltung) hat man sich Widerspruch abgewöhnt. 

Wie die unterschiedlichen Akteure mit der hausarztzentrierten Versorgung umgehen

Umgang heißt im deutschen Gesundheitssystem: Nicht die Wirklichkeit, sondern die Deutung der Wirklichkeit verändern. Die Klügeren sind jetzt schon auf den Begriff “Primärarztsystem” umgeschwenkt. Bleibt immer noch das Problem, dass Ärzte fehlen. Die Kassenärztliche Vereinigung, mächtig, und klug als Burgherrin des Festungssystems “Mein Hausarztsitz gehört mir; – und soll in dieser Form auch weiterhin alimentiert werden” versucht es mit seiner Hotline-Nummer 116117. Unter der hängt man dann in der Warteschleife und wartet, bis man irgendwann mal Gehör findet und auf eine Person trifft, die dann möglicherweise einen Arzt losschickt, der dann Stunden später eintrifft. Modern ist anders! Und es lässt sich absehen, dass die KBV, wenn sie den Dienst skalieren soll, weitere Geldmenge nachfordert. 

So arbeiten Kartelle! Aber die Politik lässt sich das weiter gefallen. Und so sitzen die Verhinderer der Innovationsveränderung weiter in Gremien, Zulassungsausschüssen, entscheiden über skalierungsfähige Konkurrenten. Sie plädieren auf Kongressen für Innovation. Um im Alltag weiter ungestört dagegen vorgehen zu können. 

Auch die Stiftungen wissen es besser, aber verschweigen das lieber

Lammfrom übt sich also das deutsche Gesundheitswesen in folgenloser Selbstbeschwörung. Wieder zurück zur Bertelsmann Stiftung. Wir zitieren aus der Studienvorstellung: 

“Es ist grundsätzlich notwendig und sinnvoll, die Patientenströme besser zu steuern. Wenn Hausärztinnen und Hausärzte diese Aufgabe übernehmen, kostet sie das jedoch Zeit. Deshalb wird es wichtig sein, sie gleichzeitig an anderen Stellen so viel wie möglich zu entlasten“, sagt Schwenk.”

Welche Macht Hausärzte hätten, um zu steuern, darüber spricht Herr Schwenk nicht. Nämlich keine. Und weiter: 

“Eine Entlastungsmöglichkeit für Hausarztpraxen besteht darin, Aufgaben wie Terminmanagement, Befundaustausch, Diagnostik und Behandlungsabläufe stärker zu digitalisieren.” 

Na ja, das weiß man schon lange, dass ein modernes Praxismanagement Zeit und Geld sparen könnte. Man könnte aber auch direkter rangehen. Denn Praxismanagementsysteme benötigen Investitionen. Die rechnen sich besser, wenn größere Strukturen gemanagt werden, also Ärztehäuser oder MVZs; – und wenn sie Steuerungsmöglichkeiten erhalten würden. Wenn also das Prä der Einzelarztpraxis hinterfragt werden würde, da es ohnehin immer weniger Ärzte gibt, die in dieser Form arbeiten wollen. 

So bleibt mir nur die bittere Feststellung, dass hier weiterhin systemisches Versagen vorliegt. Über das trotzdem offensichtlich niemand reden will. 

Stattdessen schwadronieren weiterhin alle, von der Stiftung Münch, über Bosch Stiftung und Bertelsmann Stiftung, brav von den Möglichkeiten, die sich bieten. Aber niemand redet von den Notwendigkeiten politischer Weichenstellungen, damit Veränderung stattfindet. 

Die Politik ist gefragt; – und sollte ihr Selbstbild fortschreiben

Anstatt dass “die Politik”, und zwar parteiübergreifend, von irgendwelchen phantastischen Zielbildern und Strategien redet, die sie qua Machtlosigkeit doch nicht realisieren kann (weil sie im dreifachen Governance-System des Gesundheitswesens, Bund, Länder, Selbstverwaltung schnell versandet), sollte sie sich darauf besinnen, was sie tun kann. 

Leitplanken statt Festschreibungen 

Mein Plädoyer: Die Rahmenbedingungen öffnen. Die strikte, statische und den Status Quo festschreibende SGB V und XI Gesetzgebung in eine dynamische, also veränderungsfähige überführen. Leitplanken statt Festschreibungen. Das ist nicht banal, sondern ein hochkomplexes Unterfangen. Es erfordert eine Weiterentwicklung der Rechtssetzung (wie kann das Gesundheitssystem für neue, Innovations–und skalierungsfähige Akteure geöffnet, ohne ausgeplündert zu werden) UND der Honorierung; -gerade im Hinblick auf die immer wieder eingeforderte Präventionsausrichtung. 

Und die Veränderungen benötigen Zeit. Weil nicht alles, was gut ausgedacht ist, dann auch gut gemacht sein wird. Also politisches Denken über die einzelnen Legislaturperioden hinaus. Parteiübergreifend von allen getragen, die ein qualitativ hochwertiges, gutes und veränderungsfähiges Gesundheitswesen für einen Leistungsbeweis demokratischer und offener Gesellschaften halten.  

Stattdessen werden weitere gut gemeinte, aber schlecht ausgedachte Institutionen auf Steuer- und Beitragszahlerkosten ausgedacht, die besser wissen (ein Präventionsinstitut), aber keinen Durchgriff haben, die (Gesundheitskiosk) Erstinformationen bereitstellen, um Versicherte dann in Eigenverantwortung Ärzte suchen zu lassen, die keine Termine mehr bereit stellen. 

Den schlafenden Riesen wecken (de Meo)

Die Lösung besteht darin, den “Flaschenhals” Politik und Selbstverwaltung, sprich die Wahrnehmung der Wirklichkeit in der Filterung der Interessen von Gestern zu beenden und neue, mutige und fähige Akteure aus dem System und in dem System zuzulassen. Francesco De Meo spricht dann davon, den schlafenden Riesen zu wecken. 

Dann mal los. Aber wer will sich denn mit den nüchternen Fragen Gesetzgebung oder Politik beschäftigen? Wer im gemütlichen deutschen Gesundheitssystem, in dem alle “Konsens, Konsens über alles” rufen und dem Ideal der Runden Tische huldigen (die dann dritten, Beitragszahlern, Steuerzahlern und anderen das Geld aus der Tasche ziehen), formuliert und unterstützt mal belastbare Ideen, wie man das deutsche Gesundheitssystem aus der selbstgewählten Ideenlosigkeit befreien kann. 

Die Zeit dafür, die ist überreif!


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